Frau Miller, was hat sich im letzten Jahr in der MINT-Nachwuchsförderung getan?

Es sind einige wichtige Schritte eingeleitet worden: Mehrere Deutschschweizer Kantone haben an der Volksschule den Lehrplan 21 eingeführt, weitere folgen im kommenden Schuljahr. Der neue Lehrplan enthält das Fach Natur und Technik, textiles und technisches Gestalten sowie Medien und Informatik.

Zudem hat sich die EDK (Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren) im Oktober 2017 für ein Informatik-Obligatorium an den Gymnasien ausgesprochen. Der Bund fördert in der Legislaturperiode 2017 bis 2020 mehrere Aktivitäten zur MINT-Bildung, zum Beispiel Projekte zwischen pädagogischen und technischen Fachhochschulen, zudem Initiativen von ausserschulischen MINT-Lernorten.

Das Bewusstsein für MINT-Bildung ist generell gestiegen. Konnte der Frauenanteil in MINT-Berufen gesteigert werden?

Leider haben wir nur kleine Fortschritte beim Frauenanteil in technischen und informatischen Berufen erzielt.  Ich finde es wichtig, dass die Perspektive von Frauen nicht nur in Gesundheit, Sozialwesen und Pädagogik einfliesst, sondern auch in Technik und Informatik.

Es ist schade, wenn junge Frauen ihre grosse Begabung nicht nutzen und keine zukunftsträchtigen Berufe wählen, nur weil unsere Gesellschaft Technik und Informatik als Männerberufe wertet.

Wie könnten junge Frauen für MINT-Berufe begeistert werden?

Es braucht eine kontinuierliche Förderung vom Kleinkind bis zur Berufswahl. Hier ist nicht nur die Schule gefordert, sondern auch die Familie und die familienergänzende Betreuung wie Kita und Hort. Und solange Mathematik, Physik, Informatik und Technik als männliche Disziplinen gelten, benötigen Mädchen ganz besonders viel Förderung und Ermutigung in MINT.

Die meisten Mädchen und Frauen wollen etwas machen, das in ihren Augen sinnvoll ist, etwas, das einen Bezug zum Alltag und zur Gesellschaft hat. Die MINT-Förderung und die Darstellung der MINT-Berufe müssen diese spezifischen Interessen berücksichtigen: Attraktiv sind beispielsweise interdisziplinäre, ganzheitlich orientierte MINT-Ausbildungen, welche mit der Umwelt, der Lebensqualität oder der Gesundheit zu tun haben.

Gleichzeitig müssen Mädchen auch ihre Selbsteinschätzung verbessern. Wie könnte das gelingen?

Mädchen müssen die Möglichkeit haben, viel Erfahrung und Erfolgserlebnisse mit MINT zu sammeln und dabei insbesondere von männlicher Seite gelobt zu werden. Sie müssen auch die Chance haben, weibliche Rollenmodelle in MINT-Berufen kennenzulernen. Auf keinen Fall darf das Umfeld MINT als männliche Domäne stereotypisieren.

Dadurch sinkt das Selbstvertrauen der Mädchen bezüglich MINT. Die SATW wird 2018 ein neues Programm lancieren, bei dem Mädchen im Alter von 13 bis 16 an einem Mentoring-Programm teilnehmen können. Sie erhalten Einblick in MINT-Berufe, lernen MINT-Frauen kennen und können in Workshops ihre Persönlichkeit stärken.

Sie haben erwähnt, dass der Grundstein für Technikinteresse schon im Kindesalter gelegt wird. Welche Tipps haben Sie für Eltern, aber auch Kindergärten, um diese Neugierde zu fördern?

Kinder sollten die belebte und unbelebte Welt beobachten, erkunden und selber kreativ gestalten können. Dazu benötigen sie anregende Orte: einen Werkraum oder einen Gemüsegarten in der Kita, eine MINT-Experimentierecke oder einen Waldspielplatz im Kindergarten.

Eltern können MINT ganz einfach in den Alltag einbauen: Vogelgezwitscher lauschen, Möbel zusammensetzen, Nägel ordnen und zählen, eine Baustelle beobachten, Gemüse sezieren, einen Bauernhof besuchen. Auch moderne Museen bieten anregende, interaktive Möglichkeiten, ebenso Freizeitangebote wie Kinderlabors und MINT-Camps.
Welchen Beitrag leistet die Digitalisierung zur Attraktivität von MINT-Berufen?

Die Digitalisierung verändert die MINT-Berufe, aber nicht nur die MINT-Berufe. Sie wird in allen Berufen und Lebensbereichen neue Anforderungen stellen. Neben Fach- und ICT-Kompetenzen werden gemäss World Economic Forum in Zukunft gewisse Kompetenzen ganz besonders wichtig sein, nämlich Problemlösefähigkeit, kritisches Denken und Kreativität.

Ausserdem ist in allen Berufen lebenslanges Lernen angesagt. Es wird deshalb noch wichtiger werden, die Neugier von Kindern und Erwachsenen zu stärken.