Sie haben ihr halbes Leben in Ausbildungen investiert, etliche Praktika absolviert. Sie können auf Anhieb ihr liebstes Ramen-Restaurant in London nennen, ein hippes Café in Berlin empfehlen und schwärmen von einem veganen Café auf Bali, das sie auf Instagram entdeckt haben. Technologie wurde ihnen in die Wiege gelegt. Ihre Finanzen regeln sie effizient per App, beim Einkauf online achten sie auf die Bewertungen hunderter Käufer vor ihnen. Wenn sie überhaupt kaufen. Sharing Economy lautet die Devise. Was zählt, ist Zugang, nicht Besitz. Sie haben sich in einem Ashram in Indien gesucht und während der Quarterlife Crises beim Freiwilligenprojekt auf Borneo gefunden. Sie haben eine Ahnung davon, was sie wollen, noch viel mehr aber davon, was sie nicht wollen. Und das nervt manche gehörig.

 

Wer im Google-Suchfeld «Why are millennials» eingibt, erhält umgehend eine beachtliche Anzahl bitterböser Vorschläge wie «so depressed», «entitled», «hated», «selfish». Im Urban Dictionary, einem Online-Wörterbuch für englische Slangwörter, umschreibt eine Person die Generation folgendermassen: Millennials gelten gemeinhin als selbstsüchtig und verwöhnt. Ein anderer User schreibt: Diese Generation glaubt, sie sei etwas Besonderes, weil Mami, Papi und Primarschullehrer ihnen das so eingetrichtert haben.

 

Wirklich schockierend ist jedoch, dass es nicht nur Internettrolle sind, die eine ganze Generation von heute 18- bis knapp 40-Jährigen über einen Kamm scheren. Sogar Arbeitgeber und Wissenschaftler tun es. In einer frühen Studie von American Express zur Arbeitshaltung von Mitarbeitenden, welche zwischen 1980 und 1999 geboren sind, kam heraus, dass die Hälfte der befragten Vorgesetzten angab, dass Angestellte aus der Millennial-Generation unrealistische Entschädigungserwartungen und eine schlechte Arbeitsmoral (47 Prozent) hätten und zudem leicht abgelenkt würden (46 Prozent). In einem frühen Artikel über diese Generation, der 2013 im US-amerikanischen «Time Magazine» erschien, schrieb der Autor, die Kinder der «Babyboomer» seien besonders narzisstisch, überzeugt von ihrer eigenen Grossartigkeit, sie leben länger bei den Eltern und seien daher weniger ehrgeizig und überhaupt nicht rebellisch.

 

Die Vorurteile sind falsch – zumindest teilweise. Eine im Januar veröffentlichte Studie des Wirtschaftsnetzwerks World Services Group, welche mehr als 1500 junge Arbeitnehmer aus Amerika, Europa, Asien und Afrika befragt hat, kam in der Tat zum Schluss, dass 28 Prozent Work-Life-Balance als höchste Priorität bei der Karriereplanung sehen. Tatsächlich unterscheidet sich ihre durchschnittliche Wochenarbeitszeit jedoch kaum von der älteren Generation. In einer Befragung des Personaldienstleisters Manpower Group im Jahr 2016 unter Millennials aus 25 Ländern kam heraus, dass drei Viertel der Befragten mindestens 40 Arbeitsstunden wöchentlich leisten. Jeder Zehnte überschritt sogar regelmässig die 50-Stunden-Marke. Im Unterschied zu der Generation vor ihnen, erwarten sie dafür aber einen schnelleren Aufstieg und scheuen sich auch nicht, ihre Ansprüche zu formulieren.

 

Bei einer Befragung der Boston Consulting Group unter 1100 deutschen und österreichischen Top-Talenten, die in den 1980er- und 1990er-Jahren geboren sind, kam heraus, dass knapp ein Drittel bei der Jobsuche auf Prestige achtet. Ein hohes Gehalt, vor allem aber gute Karrierechancen stehen im Fokus. 28 Prozent werten eine sinnvolle Arbeit als höchstes Gut, während nur etwas mehr als jeder Fünfte Stabilität als relevant erachtet. Ganzen 70 Prozent ist es zudem wichtig, dass ihr Arbeitgeber als innovativ gilt und ein eindeutiges Profil hat.

 

Eine Studie der Insead Business School, der Employer-Branding-Firma Universum und des Thinktanks «The Head Foundation», welche im Jahr 2015 erstmals auch gesonderte Ergebnisse für den Schweizer Markt lieferte, kam dem Kernproblem zwischen der Generation Y und ihren Vorgängern auf die Spur. «Die grösste Angst der Millennials ist es, in einem Job ohne Entwicklungsmöglichkeiten festzustecken oder überhaupt keinen Job zu finden, der zu ihrer Persönlichkeit passt», heisst es in der Studie. Gerade dieser Aspekt sei typisch für die Generation, so die Studienautoren weiter. Babyboomer und Vertreter der Generation X hatten indes keinen so starken Anspruch, ihre Persönlichkeit in ihre Arbeit einzubringen. Vielleicht irrte sich der Time-Magazine-Autor und die Millennials sind in der Tat sogar sehr viel ehrgeiziger und rebellischer als ihre Eltern.