Wie, Herr Kaelin, sehen Sie die Zukunft der ICT-Branche?

Ich bin der Überzeugung, dass für Schweizer Unternehmen der ICT-Branche «goldene Zeiten» bevorstehen. Denn diese müssen mit intelligenten Lösungen Unternehmen und auch die öffentliche Verwaltung dabei unterstützen, die gesamte Wertschöpfungskette durch Automatisierung und zugleich Individualisierung neu zu gestalten oder gar neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Dies setzt aber voraus, dass die Schweizer Politik Rahmenbedingungen setzt, welche die Entwicklung und Anwendung von intelligenten digitalen Lösungen zulassen und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle nicht verhindern.

Die Anzahl der Beschäftigten im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) nimmt zwar weiterhin stark zu. Die aktuelle Studie des Berufsverbands ICT-Berufsbildung Schweiz prognostiziert bis ins Jahr 2024 aber einen Mangel an 25000 ICT-Fachkräften. Bereits heute braucht es in praktisch allen Wirtschaftszweigen ICT-Fachkräfte. Was also ist zu tun beziehungsweise welche Massnahmen müssen ergriffen werden?

Die ganze ICT-Wirtschaft, aber vor allem die Anwenderunternehmen müssen noch mehr Lehrstellen schaffen.

«Die Arbeitslosenquote im Berufsfeld der ICT liegt aber noch immer rund ein Prozentpunkt unter dem Durchschnitt»

Das eidgenössische Fähigkeitszeugnis ist der Ausgangspunkt für ein Studium an der Fachhochschule oder für die höhere Berufsbildung.

Diese hochqualifizierten Absolventen werden in Zukunft bei Digitalisierungsprojekten dringend benötigt.

Doch der Bedarf übersteigt die Ausbildungskapazitäten in der Schweiz so stark, dass eine hohe Zuwanderung weiterhin notwendig bleibt. Dies trifft insbesondere auf Absolventen von Universitäten zu.

Trotz dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel hat sich die Zahl arbeitsloser Informatiker im Kanton Zürich zwischen 2008 und 2014 verdoppelt. Zudem steigt das Arbeitslosigkeitsrisiko von Informatikern mit zunehmendem Alter. Wie erklären Sie sich diesen vordergründigen Widerspruch?

Die Zahl hat sich auf tiefem Niveau im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise verdoppelt. Die Arbeitslosenquote im Berufsfeld der ICT liegt aber noch immer rund ein Prozentpunkt unter dem Durchschnitt aller Berufe der Schweiz.

Die ICT-Beschäftigung ist bezüglich Strukturwandel, hier beschleunigt durch die Krise, sehr anfällig, da wir eine stark überdurchschnittliche Diskrepanz zwischen Anforderungen der Wirtschaft und Verwaltung und den Kompetenzen von ICT-Personen haben.

Im Gegensatz zur Arbeitslosigkeit älterer Personen verzeichnen wir aber eine nahezu inexistente Jugendarbeitslosigkeit.

Weshalb sinken Ihrer Ansicht nach die Arbeitsmarktchancen mit zunehmendem Alter?

Heute verändern sich Technologien und Systeme sehr schnell und damit auch die Anforderungen an die Kompetenzen und Fähigkeiten der ICT-Mitarbeitenden. Für ICT-Mitarbeitende ist es unerlässlich, die eigenen Kompetenzen ständig weiterzuentwickeln.

Doch auch bei optimalen Bedingungen lässt sich Arbeitslosigkeit nicht ganz verhindern. Wichtig ist deshalb ein gutes Mentoring-Programm für arbeitslose Informatiker. Wir unterstützen das Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich bei der Suche nach geeigneten Mentoren.

Wie hoch ist der geschätzte Frauenanteil in der ICT-Branche?

Wie in allen MINT-Fächern ist auch die Informatik ein stark männlich geprägtes Berufsfeld mit einem Frauenanteil von lediglich rund 15 Prozent.

Was kann dagegen unternommen werden?

Die Erhöhung des Frauenanteils in der Informatik ist im Kampf gegen den Fachkräftemangel ein wichtiger Faktor. Doch trotz guter Rahmenbedingungen kämpft das Berufsfeld mit Vorurteilen.

Viele Frauen setzen Informatik mit Technik und Computer gleich. Dies ist gerade für junge Frauen wenig attraktiv. Wir werden deshalb Strategien und Massnahmen entwickeln, um Berufsbilder und Ausbildungsgänge der Informatik für junge Frauen attraktiver zu machen.